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 Schleswig-Holsteinischer

 Heimatbund e.V.

 Hamburger Landstr. 101,

 D-24113 Molfsee

 Tel.: +49 431-98384-0

 Fax: +49 431-98384-23

 eMail: info@heimatbund.de

 komplettes Impressum

Wiesenmüller, Hans Joachim
Dipl. Kulturwissenschaftler
Stecklenberger - Allee 50
06502 Thale

"Da steh' ich nun, ich armer Tor
und bin so klug, als wie zu vor!"

Johann Wolfgang von Goethe
(aus: "Klage des Doktor Faustus" / Drama Faust)

Also, da wäre zu verlauten: "Ich (der Unterzeichnende) habe das Sündenregister im "UTKIEK" (Jahrgang 22, Heft 3 und 4/2008) mehrmals zur Kenntnis genommen und kam zu folgendem Resultat.

Beim ersten Durchlesen war ich eigentlich - und bekenne mich des Sündenfalls - sehr böse und die Gedanken sprudelten nur so heraus:

Da haben wir nun mit viel Kraft und Mühe - jahrelang mit großem Aufwand, die alten Traditionen der Volkskunst, Folklore, Musik, Lied und Tanz "frei" geschaufelt und ans Licht gebracht, mit dem Ziel, diese vielseitig zur Anwendung zu bringen - und nun, eine solche Umkehr? (freilich, über die Anwendung/Nutzung, müsste natürlich noch viel mehr nachgedacht und gesprochen werden)

Und Teufel auch - da kommt so ein "Besserwisser", seines Zeichens Redaktionsleiter, Wulf Wager, und hält einen ausgiebigen Vortrag über die "Sünden" der Trachten- und Volktanzbewegung aus der Sicht der Nutzung und Pflege.

Frage: Steht ihnen das zu? Ja! Warum nicht!

Wobei man unbedingt die Frage beachten sollte:

"Wo stehen wir national und international?" Denn auch das traditionelle Geschehen in der Welt, ja allein schon in Europa, geht doch nicht spurlos an unserer eigenen volkskünstlerischen Entwicklung vorüber?

Was nun?

Wilfried Dubiel - würde erst einmal einige tiefe Züge aus seiner Pfeife (wenn er noch raucht) machen, den Hut (seiner Tracht) etwas vorschieben und sagen:

Ja, ... das müssten wir uns erst einmal alles auf der Zunge zergehen lassen!

Dann mit den Einzelheiten der aufgeführten Themen (Sünden) auseinander setzen, um einen richtigen Weg für eine positive Erklärung und weitere Machart für unsere kulturelle Arbeitsweise in unseren Gruppen zu finden.

Alles in "Bausch und Bogen" zu übernehmen wäre unklug und würde der gemeinsamen Sache und Arbeit nicht dienlich sein. Ausgehend von der Erkenntnis, dass in jedem Hinweis ein Stück Kritik und ein Stück Wahrheit liegt, mit der Zielrichtung einer Veränderung, sollte man kritisch an die Verdauung dieser Darlegungen gehen. Weiterhin wäre eine tiefgreifende Analyse nötig, um zu neuen Erkenntnissen zu kommen. Feststellungen schlechthin, alleine genügen nicht und dienen auch nicht der progressiven Entwicklung. Es liegt also in der Sache der Dinge nicht nur zu "meckern"; sondern in ausführlichen Diskussionen und Auseinandersetzungen mit den einzelnen Themenkreisen zu neuen Inhalten und Wegen zu kommen.

Freilich tritt in diesem Zusammenhang (und es kann ja auch nicht anders sein), die Frage auf:

"Ist das, was wir bisher in den Gruppen, Ensembles, Vereinen und Verbänden gemacht haben, verkehrt gewesen? Haben wir in der Vergangenheit die verkehrten Glocken der Volkskunst und Folklore geläutet - und das jahrelang?"

Ich denke da an die Ausgrabungen alter Trachten und ihre Rekonstruktion, Erforschung von Tänzen, alten Instrumenten, an Schulungen, Heimabende, Brauchtums- und Volksfeste, an nationale und internationale Treffen und Festivals. Was könnte nicht noch alles aufgeführt und aufgezählt werden, das in den vergangenen Jahrzehnten im künstlerischen Volksschaffens, auf nationaler und internationaler Ebene, geschaffen und organisiert worden ist.

Schlechthin ... Meinung des Volkskundlers:

"Es gibt keinen Platz mehr für die Tracht im alltäglich Leben. Was wir tun ist Folklorismus!

Wir führen nur etwas vor und das mit einem Bühnenensemble, zur Freude oder Nichtfreude des Publikums. Somit wäre der Fall erledigt.

Können wir diese Meinung im Raum stehen lassen?

Vor mir liegen mehrer Bände der Kostüm- und Trachtengeschichte (historische Arbeits- und Feiertagstrachten aus dem bäuerliche Bereich sowie aus den mittleren und hochgestellten Volksschichten der vergangenen Jahrhunderte) (Orbis Verlag / W. Bruhn / M. Tilke 2001 - The Pepin Press GV 2005 Vissuaal Encyclopedia - Geschichte des Kostüms / Erika Thiel / Hentschel Verlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1968)

Kurz gesagt und zusammengefasst:

Mode und Trachten waren in den vergangenen Jahrhunderten immer den gesellschaftlichen, standesgemäßen und zweckdienlichen Verhältnissen angepasst.

Nicht jeder konnte alles tragen, ob in der Mode oder in der Tracht. Auch letzteres, die Tracht, hat eine historische Entwicklung hinter sich.

Doch sei mir gestattet, im Zusammenhang mit der vorgegebenen "Todsünde" - Tracht, einige Fragen an den Verfasser des UTKIET - Artikels, Herrn Wulf Wager, zu stellen:

  1. Könnten Sie sich vorstellen, wir wären in Bayern bei einem großen Trachtenfest, alle "Schuhplattler" hätten keine Lederhosen, sondern Turn- oder Badehosen an. Dann soll es noch krachen? Welch eine Pracht!

  2. Bei den verschiedenen Volksfesten, Platz- und Bühnendarbietungen wären Groß und Klein wieder bei Adam und Eva angekommen und keiner würde seine Blöße verdecken und dabei würde gesungen und getanzt.

  3. Landestrachtenfestumzüge, keine Tracht und keine Kostüme, alle ganz privat, vielleicht noch in einem Nachthemd und einer Nachtmütze und als Requisit ein Nachttopf in der Hand (kann doch auch ganz lustig sein?).

  4. Und Herr Wager, sind nicht viele Fest- und Traditionsumzüge bewegliche und bewegte Museen?
    Vergangenes wird mit Fug und Recht in das heute gesetzt, ist Erinnerung an Vergangenes und hat doch auch Heute seine Berechtigung und schafft neue Erkenntnisse bei der volkskünstlerischen Tätigkeit.

  5. 100 - 1.000 - 10.000 - 100.000 Bürger unseres Landes fühlen sich jährlich, bei vielen Veranstaltungen, als Tänzer, Musiker und Sänger der engeren Heimat fest verbunden.
    Sie sind in ihrer Tracht und demonstrieren ein Stück regionale und nationale Volkskunst.

  6. Wie viele Bürger Deutschlands, die in Bayern oder Franken auf Urlaubstour sind, haben dort vor Ort, Geschmack - ja auch Liebe - zur modernisierten Tracht gefunden und tragen sie ganz öffentlich.
    Auch eine Form des Zurückholens der Tracht, wenn auch nicht aus der eigenen Region, und da regt sich sofort der Gedanken, was haben wir in der eigenen Region verkehrt gemacht oder nicht beachtet.
    Wir stellen fest, es bewegen sich Dinge, die zum Nachdenken und Handeln anregen.

  7. Und gesagt sei - Vergangenes - was im Museum steht kann man nicht zurückholen. Man kann es betrachten, erneuern, verschönern und dem Trend der Zeit anpassen. Wichtig ist, dass man dazu eine engere, innere Verbindung hat.
    Dies gilt in Zusammenhang mit der Tracht und allen anderen volkskünstlerischen Tätigkeiten. Nichts darf übergezogen sein, sondern soll Freude bringen.
    Nur noch in wenigen Fällen ist der Fest- und Dorfplatz das Feld der künstlerischen Darstellung. Meistens das Festzelt, das Dorfgemeinschaftshaus oder das Kulturhaus mit einer aufgestellten Bühne. Da gelten andere Gesetze der künstlerischen Gestaltung und Darstellung. Das Umfeld unserer künstlerischen Darstellung, in der ständigen Begleitung von Rundfunk, Fernsehen und andern Veranstaltungsforen, verlangt auch in der Volkskunst/Folklore mehr "Pfiff und Pfeffer", ohne die Grundideen und Formen des Volksschaffens zu verlassen. Wir wollen ja Besucher zum Kommen und Verweilen ansprechen und Freude bereiten. Nichts ist schlimmer, als langweilige Programme und Darbietungen, die keine Besucher/Zuschauer von den Sitzen reißen.

Wer kennt nicht den großen Meister der Russischen und Internationalen Tanzkunst? Wenn nicht, dann sollte man über ihn sich informieren.

Igor Moissejew: Leiter des staatlichen, akademischen Volkstanzensembles der ehemaligen UdSSR Verdienter Volkskünstler

Einige zusammengefasste Definitionen der Tanz - und Musikarbeit von Igor Moissejew:

  • Die Kunst ist kein ethnographisches Museum

  • Wir, die Choreographen, Komponisten, Tänzerinnen und Tänzer streben an, dass die Zuschauer in jeder unserer tänzerischen Darbietungen, die Seele des Volkes, seine Gewohnheiten, Bräuche und Bestrebungen erkennen und erfühlen sollen.

  • Die Tänze sind Zeugen von der lebendigen Wahrnehmung der Wirklichkeit und ihrer optimistischen Gestaltung, ihres gesunden Volkshumors und der Jugendfrische.

  • Die Tänze und ihr Gestalten sind durchdrungen vom Geist des Humanismus; sie spiegeln die Liebe zur Heimat und tiefes Empfinden der Völkerfreundschaft wieder.

  • Wichtig ist, bei der Wiedergabe des Volkstanzes, dass die Darstellung auf einem hohen künstlerischen Niveau erfolgt, unter Einbezug volkskünstlerischer Traditionen und Besonderheiten aus dem Leben des Volkes und der dörflichen Umwelt.

  • Das Publikum fühlt, dass diese Tänze nicht einfach ein schönes Schauspiel sind, sondern etwas größeres, eine der Formen der künstlerischen Wiederspiegelung des Lebens.

Igor Moissejew sagt weiter über seine tänzerische Arbeit:

  • Ich wusste, dass Meisterschaft viel Arbeit und große Liebe erfordert.
    Dass der Künstler ... dazu verurteilt ist, ewig zu suchen und Neues zu schaffen und nur selten erlebt, dass das Geschaffene dem gewünschten nahe kommt.

  • "Erfolg schmeckt", hat Lion Feuchtwanger einmal gesagt. "Und trotzdem ..."

  • Wir sehen, wie aus dem Einfachen das Komplizierte und aus dem Komplizierten das Meisterliche erwächst, nämlich ...

"... Der Tanz ..."

in seiner Vielfalt, Breite und Qualität, unter Berücksichtigung seiner Ursprünglichkeit.

Vor mir liegt eine "Empfehlung der Organisation der Vereinten Nation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur".

Angenommen am 15. November 1989 auf der Generalkonferenz in Paris mit einer Empfehlung, an alle Mitgliedsstaaten. Dabei wurde folgende Gliederung zu Grunde gelegt:

- Empfehlung über den Schutz der traditionellen Kultur und Folklore

  • Bestimmung des Begriffs der Folklore - Kennzeichnung der Folklore

  • Erhaltung der Folklore

  • Bewahrung der Folklore

  • Verbreitung der Folklore

  • Schutz der Folklore

  • Internationale Zusammenarbeit

Weiterhin liegt mir vor, das Material der Polnischen CIOFF Sektion Warszawa vom März 1999:
Internationale Bezeichnung

"CONSEIL INTERNATIONAL DES ORGANISATIONS DE FESTIVAL DE
FOLKLORE ET D`ARTS TRADITIONELS"

"Die regionale Edukation - das Kulturerbe in der Region"

vom Autorenkollektiv Frau Dr. Joanna Angiol und Frau Mgr. Eva Repsch

Im Einzelnen wurden in diesen Materialien kulturelle Aufgaben und Hinweise für Grundschulen, Klassenstufen und für das Gymnasium herausgearbeitet und durch das polnische Bildungsministerium, an die Schulen in ganz Polen weitergeleitet. Eigentlich eine gute Sache und wenn man seine Sünden bekennt, bekommt man ein göttliches Zeichen der Demut, der Verzeihung und der Führung auf den richtigen Weg.

Ja, wo ist nun der richtige Weg, der bisher durch viele Gruppen und Verein vollzogene, oder wird es Zeit - Neuland zu betreten?

Nichts bleibt in unserem Leben - so wie es war!

Es sei mir gestattet erst die "kleinen Sünden" zu behandeln, auch wenn von Herrn Wager gesagt wird, dass man die genannten Hinweise und Anregungen subjektiv einschätzen soll.

Kann man all das Geschriebene (Gesagte) einfach und schlechthin als persönliche Auffassung deklarieren? Nein, bei all den vorgetragenen Problemen ergibt sich doch sofort eine Vielfalt von Verbindungen zu den Vereinen; ihrer Darstellung der Sitten und Bräuche, der Musik, des Gesanges und des Tanzes, der menschlichen und gesellschaftlichen Werte, der Bindungen zur Heimat und zu vielen regionalen kulturellen Prozessen.

Ich stelle mir die Frage: "Wie verbinde ich meine subjektiven Erkenntnisse mit den Eigenschaften der objektiven, volkskünstlerischen Beweisführung mit dem Ziel, meine Formen und Inhalte in die kulturelle Arbeit der Vereine und Gruppen, einfließen zu lassen?

Herr Wager, Sie stellen auf den Seiten 22 / 23 Utkiek Jahrgang 22 viele volkskünstlerische Prozesse (und damit auch das Vereinsleben) auf eine Waage, die mal nach rechts oder links ausschlägt (oder nach oben oder nach unten), d.h. wie es gebraucht wird; ich denke so einfach geht es nicht und so einfach kann man es sich auch nicht machen.

Oster-, Pfingst-, Kirchen- und Tanzfeste, Landestrachtentage, Chor- und Konzerte vieler Ort sind nicht nur schlechthin Tage des Treffens, sondern sind Feste des vielfältigen Bekennens der Menschen zu bestimmten kulturellen und künstlerischen Anlässen.

Ja ... das kann man nicht im Vorbeigehen abtun; hier würde man das wissentliche Anliegen, kulturelle Wünsche von Millionen Menschen außer Kraft setzten.
Freilich werden Wünsche und Inhalte von Veranstaltungen einem mehrfachen Wechsel bzw. Wiederkehr unterliegen, das ist doch eigentlich verständlich denn dahinter stehen Veranstaltungsmacher, Menschen, Organisatoren, ehrenamtliche Kräfte die auf die Gestaltung und Wünsche der Menschen Einfluss nehmen.
Und eins (1) steht doch weiterhin fest, wir die Folkloristen, Volkskunstschaffenden sind nicht die einzigen die kulturelle Prozesse auf den Weg bringen.

Die kulturellen Wünsche unserer Menschen sind vielseitiger geworden.
Fernsehen, Rundfunk und vieles Andere tragen dazu bei.
Das ist heute so und früher, unter anderen Bedingungen, auch schon.
Erinnerungen an Vergangenes, was gut war, wird immer wieder wenn auch in anderer Form zurückkehren. Freilich auch neu aufgepeppt, es soll ja auch Spaß machen.

Neue Formen, Anlässe und Inhalte werde ebenfalls die kulturellen Prozesse beeinflussen, neue Ideen werden Einfluss nehmen und Veränderungen herbei führen.

Es bleibt eben nichts wie es war!

Kommen wir zu den größeren Sünden!

Sünde 1

Sünde 2

Sünde 3

Sünde 4

Sünde 5

Sünde 6

Sünde 7

Sünde 8

Sünde 9

Sünde 10

Sünde 11

Sünde 12

Ende


Stand: 25. September 2009