Dienstag, 8. September 2026 | Aktuelles

Schleswig-Holstein, das Land der vielen Lieder

Bei unserer Podiumsdiskussion im Kulturspeicher Kiel wurde unter Beweis gestellt: Offenheit für alte und neue Lieder, verschiedene Sprachen sowie niedrigschwellige Angebote könnten der Schlüssel zu einer singenden Gesellschaft – und vielleicht auch einem Repertoire für Schleswig-Holstein sein

Vier Menschen sitzen in Bibliothek auf einer Bühne
Auf dem zweiten Podium diskutierten (v. links): Moderator Dr. Martin Lätzel, Isabel Kuczewski, Hanne Pries und Lukas Johannsen © Anna Biß / SHHB

Das Schleswig-Holstein-Lied oder doch lieber Torfrock? Warum nicht beides?! So lautet die Quintessenz des Abends in der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek (SHLB) unter dem Titel „Land ohne Lieder? Auf der Suche nach dem Sound von Schleswig-Holstein“. In den beiden Diskussionsrunden zum schleswig-holsteinischen Liedgut wurde deutlich: Es gibt nicht das eine Lied, aber es gibt sie – die Lieder für Schleswig-Holstein. Wir müssen uns nur trauen sie zu singen.

Gesangstradition in Schleswig-Holstein

Zum Einstieg in die Diskussion gab Dr. Matthias Kirsch von der Uni Kiel eine Einordnung in die Gesangstradition des Landes und nannte dabei auch Faktoren, die sich negativ ausgewirkt hätten, wie beispielsweise der Umbau des Schulfaches Musik. Wissenschaftlich belegen lässt sich aber nur Weniges: „Wir wissen wenig, fühlen aber viel“, so der Musikwissenschaftler. Und gefühlt wird in Schleswig-Holstein selten in Gemeinschaft gesungen, zumindest im Vergleich, beispielsweise zu unserem Nachbarland Dänemark, wo bei jeder Gelegenheit zusammen ein Lied angestimmt wird.

Ob es dafür ein Patentrezept gebe, richtet sich Moderator Dr. Martin Lätzel an Lasse Rodewald, Generalsekretär der Sydslesvigsk Forening, der die dänische Perspektive mit einbrachte: „Ja, wir singen einfach,“ gibt Rodewald zurück. Außerdem würden in Dänemark die traditionellen Hymnen inhaltlich weniger zerdacht. Während einige von uns das Schleswig-Holstein-Lied wegen antidänischer Tendenzen und Begrifflichkeiten wie „Vaterland“ nur mit Bauchschmerzen singen können, singen die Dänen ihre traditionellen Lieder einfach: „Ich habe kein Problem mit dem Schleswig-Holstein-Lied, weil ich genau weiß, dass unser Liedgut genauso ist. Es ist Teil der Geschichte,“ so Rodewald. Aber natürlich gebe es inhaltliche Grenzen, die nicht überschritten werden dürften. Beim Singen ginge es vor allem auch um das Miteinander: „Gemeinsames Singen verringert Abstand und schafft Gemeinsamkeiten,“ berichtet er aus Erfahrung.

Musik weckt Emotionen und fördert Miteinander

Auch Historiker Prof. Dr. Detlev Kraack plädiert dafür genau diese positiven Emotionen, die Lieder und gemeinsames Singen vermitteln, zu nutzen, nicht zuletzt zur Stärkung der Demokratie: „Musik hat Macht. Zum Missbrauch als Propagandamittel, aber vor allem auch dazu, positive Emotionen für ein demokratisches Miteinander zu schaffen.“

Das Gefühl, ob in Schleswig-Holstein wenig gesungen wird, hängt aber sicherlich auch davon ab, wen du fragst – von der individuellen musikalischen Prägung und in welchem Umfeld sich eine Person bewegt. „Bei mir wird immer gesungen, ob Familienfest oder Vertretungsstunde in Mathe. Ich habe auch ein Mathelied“, sagt Sängerin und Musiklehrerin Hanne Pries und stellt da sicherlich auch unter Lehrkräften einen Sonderfall dar.

Niedrigschwelliger Zugang zu Musik als Schlüssel

Denn wenn das Repertoire, der Mut oder der Zugang zu Musik fehlt, wird es schon schwierig. Umso wertvoller sind Initiativen wie der Verein Tontalente e.V., für den Isabel Kuczewski mit auf dem zweiten Podium saß und eine interkulturelle und diversitätssensible Perspektive mit in die Diskussion einbrachte: „Wir versuchen Musik überall dahin zu bringen, wo Menschen schlechten Zugang dazu haben,“ erläutert sie. Dazu zählten zum Beispiel Menschen mit Behinderungen, mit Migrationsgeschichte oder geringem Einkommen. Als Moderator Martin Lätzel sie nach Wünschen an die Politik fragt, sagt Isabel Kuczewski: „Sensibilisierung und Bewusstmachung dafür, dass 42 Prozent der unter 18-Jährigen in Deutschland eine Migrationsgeschichte haben, und natürlich nicht zuletzt Geld für Musikprojekte, die alle mitnehmen.“

Eine weitere Erkenntnis des Abends in der Landesbibliothek ist also auch: Wer ein Repertoire für unser Bundesland erstellen möchte, muss offen sein – für neues und altes Liedgut, für hoch- und plattdeutsche Texte, ebenso wie für Lieder aus anderen Sprachen, die in Schleswig-Holstein gesprochen werden. Dass wir das können, hat das Test-Publikum am Freitagabend zumindest schonmal bewiesen: So wurden, angeleitet und musikalisch begleitet von Liedermacher Lukas Johannsen aka LiederLukas sowie unterstützt von Isabel Kuczewski und Hanne Pries, nicht nur „Beinhart“ von Torfrock und „An de Eck steiht‘n Jung mit’n Tüdelband“ geschmettert, sondern auch gemeinsam ein ukrainisches und ein jiddisches Lied gelernt.

Räume fürs Singen schaffen

Wir können also festhalten: Wenn gemeinsames Singen niedrigschwellig gestaltet wird und die Erwartungen erstmal gering sind, dann fällt es leichter. Das kann Lukas Johannsen auch aus seiner Erfahrung als Leiter des Kneipenchores Neumünster berichten, der sich in diesem Jahr gegründet hat: „Wer unter der Dusche singen kann, ist bei uns überqualifiziert“, erläutert er sein Konzept für das Angebot, bei dem alle mitmachen dürfen. Man brauche also vor allem Orte und geschützte Räume zum Singen: „Hürden lassen sich durch gemeinsames Singen und eine gute Fehlerkultur schnell abbauen“, sagt er.

Solche Räume werden auch im Rahmen der „Community Music“, wie sie die Tontalente praktiziert und an Multiplikator*innen vermittelt, geschaffen. Und egal, ob Kneipenchor oder Community Music – nur, weil ein Angebot niedrigschwellig ist, müsse das Ergebnis nicht weniger hochwertig sein, ist Isabel Kuczewski überzeugt: „Wenn es im Herzen drin ist, dann funktioniert das.“


Kooperationspartner von "Land ohne Lieder?" waren die SHLB, die Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte und der Landesmusikrat Schleswig-Holstein. Die Veranstaltung war der Auftakt der landesweiten HeimatVielfaltWoche des SHHB, die noch bis zum 13. September gefeiert wird.